„Was denn für jemanden wie mich Kunst sei, fragen Journalisten immer wieder aufs Neue. Ist es nicht so, dass der Kunstbegriff nur noch als fadenscheiniger Abklatsch eines modernen Missverständnisses existiert? Vom Kunstbetrieb ausgewaschen ist er ein Verpackungsbegriff geworden. Der Prüfung auf Korruption hält er nicht mehr stand. Das dem zeitgenössischen Künstler vom Markt zur Pflicht gemachte Einzigartigkeitsbewusstsein ist unwichtig, der Kreativität ist dies Pflicht gleichgültig. Kunst an sich ist repetitiv, sie zitiert sich von je her selbst, nichts an ihr kann also wirklich neu sein. Sie ist so alt wie die Welt, neu und einzigartig ist nur der Moment ihres Entstehens. Ich spreche lieber von Gemälden. Gemalt habe ich schon immer, wie jedes andere Kind. Aufgewachsen in einer Familie, in der das Malen eine alltägliche Selbstverständlichkeit war, hat mich diese Form der Schöpfung mein ganzes Leben lang begleitet. Atmen, malen, leben, das ist meine Existenz. Jedes Gemälde, an dem ich arbeite, ist meine Vergangenheit, meine Gegenwart und meine Verbindung in die Zukunft. Genauso ist meine Malerei die Verbindung zu allen bereits gemalten Gemälden der Vergangenheit, den gegenwärtig entstehenden und den zukünftig zu erwartenden. Alle existierenden Gemälde stehen in Verbindung zueinander. Sie entstehen aus bereits vorhandenen Werken, beziehen sich aufeinander, interpretieren und befruchten einander ständig neu. Für Gemälde existiert die Zeit nicht, sie behalten ihre Kraft in einer andauernden Gegenwart. Sie wurden für Sehende geschaffen, sie sollen betrachtet werden und im idealen Fall etwas im Betrachtenden auslösen – bitte schauen Sie also, ich möchte Sie dazu einladen, sich Ihr eigenes Bild zu machen.“

Wolfgang Beltracchi

 

FREIHEIT

Wolfgang Beltracchi hat als Jahrhunderfälscher Furore gemacht. Jahrzehntelang schuf er unerkannt Bilder in der Handschrift einer Vielzahl großer Maler, vor allem der Klassischen Moderne. Dabei kopierte er nie deren Werke. Beltracchi besaß die Fähigkeit über ein vorhandenes Werk hinaus zu gehen und neue Werke zu erschaffen, von denen Kenner oftmals meinten, sie gehörten zum Besten des jeweiligen Meisters. Viele Fachleute behaupteten, er hätte den schönsten Molzahn, den aufregendsten Campendonk, den geheimnisvollsten Wald von Max Ernst gemalt. Sie bestätigten Beltracchi einen Moment im Schaffen des Künstlers berührt zu haben, den die Kunstwelt aus heutiger Sicht für den genialsten hält. Seine Bilder wurden von allgemein anerkannten Kunstexperten als echt zertifiziert und erzielten in Galerien sowie auf großen internationalen Auktionen Höchstpreise.

Der Titel FREIHEIT bezieht sich auf die jetzige Lebenssituation von Wolfgang Beltracchi, in der seine neuen Bilder entstanden sind. Im Januar 2015 wurde Beltracchi nach vier Jahren aus der Haft entlassen. Grund für diese war, dass er mit dem Namen berühmter Künstler signierte. Seine früheren Taten gehören nun der Vergangenheit an. Wer in einem Rechtsstaat seine verhängte Strafe verbüßt hat, hat das Recht, neu anzufangen und im Falle Beltracchis künstlerisch ganz und gar frei arbeiten zu können.

Das Schaffen von Beltracchi hat die Diskussion um die Wertigkeit von Kunst – Was Kunst ist – neu angestoßen. Sie hat den Literaturkritiker und Autor Burkhard Müller zu einem interessanten Vergleich angeregt: „Im Weinkeller des Kunstgenusses hat Beltracchi gewissermaßen die Etiketten von den Flaschen abgelöst und zwingt nun alle, die als Kenner und Genießer gelten, zur Blindverkostung, eben jenem Vorgang, bei dem sich die Urteilskraft unmittelbar und unbestochen zu bewähren hat: Bei seinen Geschmacksurteilen kann sich künftig niemand mehr auf das Schildchen verlassen, das mitteilt, wo das Hochgewächs herstammt, sondern es muss ein jeder angeben, wie es ihm tatsächlich mundet. Beltracchi veranlasst die Freunde der Kunst, vom Modus der Verehrung auf den der Betrachtung und Erfahrung umzuschalten.“

Alle Arbeiten Beltracchis basieren auf seinem tiefen Wissen über die Künstler mit denen er sich auseinandersetzt. Indem er ihre Kunst und ihr Leben in Verbindung mit den Zeitgenossen erforscht, verinnerlicht er ihr Schaffen, gleitet gewissermaßen in ihren künstlerischen Intellekt. Im sich Hineinversetzen in den Anderen erspürt, ertastet er Bilder. Mit seiner besonderen Begabung und der enormen Variationsbreite seines technischen Könnens ist der Virtuosität bei der Wiedergabe dieser mehr gefühlten Bilder keine Grenze gesetzt. Mal wählt er die Handschrift und die Erzählsprache des erforschten Künstlers, dann wieder entstehen neue Verbindungen, ungeahnte Verknüpfungen und Weiterleitungen zur Arbeit vorangegangener oder nachfolgender Künstler. Die entstehenden Gemälde zeugen von einer Vielsprachigkeit, die man bei einem Künstler der heutigen Zeit so nicht mehr antrifft. Es sind neue, eigenständige Werke, die dem Betrachter einen anderen Blick auf die bildende Kunst eröffnen – sie bieten ihm die Möglichkeit, selber den Versuch zu wagen und sich in die Möglichkeiten hinein zu begeben, die sich in der Auseinandersetzung mit den Künsten bieten.

FREIHEIT bedeutet für Beltracchi auch, dass er heute als Künstler frei von den ehemaligen Zwängen ist, sich mit absoluter Präzision an die Handschriften der großen Maler der Klassischen Moderne halten zu müssen. Beltracchi versteht es, mit seiner Kreativität und seinen einzigartigen malerischen Fähigkeiten die vielen unterschiedlichen Handschriften und Techniken der großen Künstler ineinander fließen zu lassen und auf diese Weise vollkommen frei Neues zu schaffen. Damit hat er ein eigenes Genre kreiert.